Neulich rief mich ein Vater an. Man konnte hören, dass er mit seinen Nerven am Ende war.
Er hatte seine beiden dreijährigen Zwillinge übers Wochenende zum Umgang bei sich. Samstagabend erhielt er eine Nachricht der Mutter, er müsse die Kinder am nächsten Tag nicht zurückbringen. Er solle sie behalten. Sie wolle ein neues Leben anfangen. Das wars!
War das ein Scherz? Sie hatte ihn blockiert.
Keine Chance mit ihr zu reden, keine Chance Absprachen zu treffen, keine Kleidung, keine Kinderzimmer, nix. Er war bis dahin Wochenendpapa und nun sollte er Tom und Eve alleine großziehen? In seinem Einraum-Apartement mit einem Vollzeitjob?
Panik!
Rein rechtlich war die Situation gar nicht so schwierig.
Die beiden waren nicht verheiratet, kannten sich kaum. Die Zwillinge waren das Produkt eines Karneval-Flirts. Er schon über 30, Sie kaum 20, noch in der Ausbildung und komplett überfordert. Familiäre Unterstützung – Fehlanzeige.
Wir befürchteten schon, dass wir hier wirklich das Sorgerecht hätten gerichtlich klären lassen müssen, was Zeit, Nerven und erstmal Handlungsunfähigkeit bedeutet hätte. Die Kinder hätten im Zweifel einen völlig fremden Vormund bekommen oder in eine Pflegefamilie gemusst.
Zum Glück gelang es, die Kindesmutter noch ein einziges Mal zu erreichen.
Ich verfasste eine Sorgerechtsvollmacht zugunsten des Vaters, die sie mir, vor ihrem endgültigen Untertauchen, unterschrieben zurückschickte. Ferner riet ich ihr, für ihre Kinder einen Brief zu schreiben, als Erinnerung und um ihnen später einmal die Situation erklären zu können und bat sie mir außerdem vertraulich, in einem verschlossenen Umschlag wenigstens noch einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort zu hinterlassen. Für den absoluten Notfall. Man weiß ja nie. Dann war sie weg.
Das Leben des Vaters war von einer auf die andere Sekunde völlig auf den Kopf gestellt
Nun galt es, den Alltag des Vaters neu zu strukturieren. Er hatte tagelang nicht geschlafen, schon drei Kilo abgenommen, Panik und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Auf der Arbeit hatte er sich krankgemeldet. Er hätte jeden Strohhalm genommen, den man ihm gegeben hätte.
Wir kontaktierten als erstes seinen Arbeitgeber, der zum Glück Verständnis hatte, vereinbarten kurzfristig ein paar Tage Sonderurlaub, einen Arbeitsplatzwechsel ins Homeoffice und eine Stundenreduzierung.
Auch das schicke, kleine Einraum-Apartement des Vaters war natürlich nicht dauerhaft für zwei Dreijährige ausgelegt. Auf die Schnelle etwas Angemesseneres zu finden, als alleinerziehender Vater, in Berlin, absolut unmöglich…
Hingegen war da eine Wohnung gerade komplett kindegerecht eingerichtet und völlig ungenutzt. Was lag also näher, als die Wohnung der Kindesmutter zu übernehmen?
Die Kids hatten dort, alles, was sie brauchten. Kleider, ihre Kinderzimmer, Bettchen, Spielsachen, genug Platz und ihr gewohntes Umfeld. Arbeiten im Homeoffice war auch von dort aus problemlos möglich.
Wir setzten uns mit dem Vermieter in Verbindung und erfuhren, dass auch ihn die Kindesmutter vor vollendete Tatsachen gestellt und ihm mit „Bin dann mal weg!“ die Schlüssel in den Briefkasten geworfen hatte. Bevor er die Wohnung also selbst hätte räumen müssen, ließ er sich auf den Deal ein;) Win-Win!
Einen Nachmieter für die Wohnung des Vaters zu finden war nicht schwer und schwupps, hatten alle ihr altes, neues Zuhause wieder!
Dann stießen wir noch zufällig auf eine liebevolle Leihoma in der Nachbarschaft, beantragten eine sozialpädagogische Familienhilfe beim Jugendamt und eine Vater-Kind-Kur an der See, in der sich die Drei ab Januar von all dem erholen können.
Tief durchatmen, dann findet sich immer eine Lösung!